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Beste Freundin, von wegen... Leseprobe 

Heidrun Siebenhofer

Die Autorin mehrerer Bücher beschäftigt sich seit 1994 mit Spiritualität, wodurch das Tor zu ihrer Kreativität weit geöffnet wurde. Während einer Lebenskrise machte sie eine herzöffnende Erfahrung die ihr half, ihre Beru-fung zu finden. Zum Schreiben wird sie von Engel- und Naturwesen inspiriert, deren Botschaften sie für Ratsu-chende in ihren Büchern sowie über Engelkarten ein-drucksvoll zum Ausdruck bringt.

Bisher erschienen:

Flores, der Elf, Silbernes Leben
Die Botschaft des Sonnenengels, Elias
Ich sage dir… Elias,
Memos von ganz oben, Elias
KIRINA Engelkartenset, Elias
An Maria im Himmel - Postlagernd, Smaragd
Die Neun-Stufen-Seelenheilung, Smaragd
ARTINUS - Rückkehr zur Wahrheit, Elias
Die Allmächtigkeit in ihrem Ursprung, Smaragd
Du erinnerst mich an Liebe, tao.de

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ISBN  978-3-950378-8-2

Beste Freundin, von wegen..

  „Na wunderbar“, meinte Suse in einem Ton, der mir das genaue Gegenteil vermittelte.
Ohne weitere Einwände schluckte ich die Worte hinun-ter, die ich eigentlich noch loswerden wollte, um meine Freundin nicht noch mehr gegen mich aufzubringen.

    „Du hast keine Ahnung was alles auf dich zukommt, wenn du dein Vorhaben umsetzt“, fügte Suse hinzu, und räumte hektisch die Stellage mit Kinderbüchern aus, nur um sie anschließend in gleicher Ordnung wieder einzu-räumen. Meine Ankündigung, allein in Urlaub fahren zu wollen, schockte sie mehr, als sie zugeben wollte. Wenig charmant stellte sie, ohne mich dabei anzublicken, fest: „Bedenke die lange Autofahrt, Britta. Du bist das weder gewohnt, noch hast du die Nerven dazu. In deinem Alter!“
   Was sollte das nun wieder heißen? Ich begann mich zu ärgern. Suse konnte manches Mal wirklich unausstehlich sein. Aber das war eine typische Reaktion meiner Freun-din, wenn sie mit etwas Unvorhersehbarem konfrontiert wurde. Suse wollte jederzeit Herr der Lage sein, und die Kontrolle über alles und jeden haben.


Ich hatte mich an die Art meiner Freundin schon gewöhnt und nahm sie normalerweise nicht tragisch. Schließlich war ich froh, dass Suse mir jene Dinge abnahm, die mir Angst oder Kopfzerbrechen bereiteten. Allerdings bemerkte ich mittlerweile schon nicht mehr, dass Suse mir auch die angenehmen Dinge abnahm. Ich bewunderte an meiner Freundin ihre Medialität und das trübte wohl meinen klaren Verstand. Ich hatte ebenfalls das Gefühl auf dem spirituellen Weg ganz gut unterwegs zu sein, nur halt nicht so ausgeprägt, wie das bei Suse der Fall war.  Ich weiß ja, dass Engel zu sehen oder zu spüren weniger mit der äußeren Realität als vielmehr mit einem inneren Zustand zu tun hat, den man eventuell als visionär bezeichnen könnte. Das verleiht den Engeln deshalb jedoch nicht weniger Wirklichkeit, sondern bedeutet einfach, dass die Erfahrung auf einer anderen Ebene stattfindet, wo sich das geistige Auge und das spirituelle Bewusstsein öffnen. Ich öffnete mich seit Jahren, aber mein geistiges Auge schien das nicht zu bemerken. Auf diesem Gebiet tat sich nichts bei mir, im Gegensatz zu meiner Freundin.


   Ich schaute auf Suses Nacken, die immer noch vor der Stellage kniete und gedankenverloren ein Buch nach dem anderen in die Hand nahm und wieder zurück stellte. Sie tat mir leid. Aber ich fand, dass es Zeit wurde, meinem inneren Drängen nachzugeben. Schon lange fühlte ich, dass ich meiner Seele etwas Gutes gönnen sollte. Dieses Bedürfnis war in letzter Zeit immer stärker geworden. Den letzten Ausschlag dazu gab eine emotionale Ausei-nandersetzung, die ich mit Walter hatte. Mein Partner konnte einfach nicht verstehen, dass sich mein Interesse an vielen Dingen mit den Jahren verändert hatte. War ich früher bereit, mit ihm jedes Wochenende auszugehen,  mit Freunden - und solchen, die sich dafür hielten - stundenlang über nichts sagende Dinge zu diskutieren, sich über Politik und Korruption aufzuregen, so fand ich immer weniger Gefallen daran. Bei diesen Zusammen-künften stellte ich des Öfteren fest, dass in einem Aus-maß bewertet und verurteilt wurde, das ich nicht mehr gutheißen konnte.


   Die vielen Ratgeber in unserem Buchladen, die Ge-spräche mit Kunden, sowie Seminare, die Suse und ich schon gemeinsam besucht hatten, hinterließen ihre Spuren auch in meinem Leben.
   Das hatte dazu geführt, dass ich immer mehr erkannte, dass ich Erfahrungen selbst erschaffe, sowohl die ange-nehmen, als auch die unangenehmen. Das war für mich gar nicht so einfach zu verkraften. Aber ich habe es mitt-lerweile verinnerlicht. Das, und noch andere Erkenntnisse, die meinem Leben einen neuen Sinn gaben. Aber Walter hatte an dieser Veränderung nicht teilgenommen. Was unser Zusammenleben nicht gerade leichter machte. Walter war nicht bereit Verantwortung für seine Erfah-rungen zu übernehmen. Das führte zu immer größeren Spannungen zwischen uns. Ich weinte mich bei Suse aus, die - in diesen und ähnlichen Fällen mütterlich agierte - mich tröstete und aufgrund ihrer Hellsichtigkeit prophe-zeite, dass eine Änderung in meinem Leben kurz bevor-stünde. Diese Vorhersage schockte mich, denn ich liebte Walter, schließlich waren wir seit sieben Jahren zusam-men. Nach meiner Scheidung von Stefan, mit dem ich ganze zwanzig Jahre verheiratet war, hatte ich fast fünf Jahre ein Single-Dasein gelebt. Dann, auf einer Ver-sammlung zugunsten einer neuen Parkanlage in unserer Stadt, traf ich Walter. Er war einer der glühendsten Ver-fechter jener Belange der Grün-Anhänger und ich hatte seiner Rede andächtig gelauscht. Er gefiel mir auf An-hieb. Er wirkte ziemlich zerzaust mit seinen schwarzen Locken, die ihm wild vom Kopf abstanden und den dunklen Bartstoppeln, die in mir das Gefühl erweckten, sein Gesicht in meine beiden Hände nehmen zu müssen und ...na ja, Sie wissen schon. 

     
   An diesem Tag trug er verwaschene, leicht ange-schmutzte Jeans, eine dunkle Lederjacke, unter der ein sauberes hellblaues Hemd mit offenem Kragen hervor-schaute. Ein überaus sympathisches Gesicht, das mich sofort für ihn eingenommen hatte. Es dauerte auch nicht lange und wir waren zusammengezogen. Walter wohnte in einer gemütlichen Dreizimmerwohnung im Hochpar-terre in ruhiger Lage. Kein Vergleich zu meiner Dach-wohnung vorher, die nur über drei atemraubende Stock-werke zu erreichen war. Ich war trotzdem die letzten fünf Jahre sehr glücklich in ihr gewesen. So nach dem Motto: Klein, aber mein. In das Haus, das ich einst mit Stefan bewohnt hatte, war inzwischen jene Frau eingezogen, die unser Scheidungsgrund war. Eine kaum Zwanzigjährige -  rothaarig, dünn und langgliedrig. Mit einem Wort, das genaue Gegenteil von mir. In den Jahren unserer Ehe ließ ich es mir gut gehen. No Sport, no Fun. Genau so entwi-ckelte sich auch mein Körper mit den Jahren. Stefan ar-beitete meistens bis spät in die Nacht in seinem Architek-turbüro, während ich mich dem Haushalt und meinem Wohlergehen widmete. Wobei der Haushalt nicht unbe-dingt an erster Stelle stand. Das hatte sich erst geändert, als ich in die kleine Mansardenwohnung gezogen war. Sie war überschaubar gewesen und ich fühlte mich wohl darin. Was sicher auch darauf zurückzuführen war, dass ich angefangen hatte mich mit Esoterik zu beschäftigen. Wobei ich inzwischen sehr wohl zwischen Esoterik und Geschäftemacherei unterscheiden konnte. Wie bei allem im Leben, birgt der spirituelle Weg neben der Geraden auch Umleitungen, Baustellen und Stopps in sich. Ziem-lich rasch war ich bei Walter eingezogen. Walter war Beamter. Genauso lebte er auch. Gemütlichkeit ging ihm über alles. Die Fußböden in Parkett, gemütliche Sitzgar-nitur in Beige, der Wohnzimmerschrank über die ganze Wand verteilt, natürlich in Eiche rustikal. Die Küche zweckmäßig und übersichtlich in Weiß, das Schlafzimmer in Mahagoni mit weißen Fell-Bettvorlegern. Eine Wohnung - wie Walter. Gediegen, verlässlich und stabil. 

 

   Mein Lebensabschnittspartner, so nennt man das ja jetzt, leitete das Büro für Öffentlichkeitsarbeit, hatte eine Sekretärin, die kurz vor ihrer Pensionierung stand, und die derart loyal zu ihm hielt, dass sie, wenn er sagte, er wolle nicht gestört werden, nicht einmal mein Telefonat zu ihm durchstellte, selbst wenn ich behauptete, dass es mir derart schlecht ginge, dass der Notarzt mit Blaulicht zu mir unterwegs sei. Sie redete in so einem Fall beruhi-gend auf mich ein und stellte dabei die Ferndiagnose, dass es wohl nicht so schlimm sei, wenn ich noch selbst zum Hörer greifen könne.

   Suses Aussage, dass eine gewaltige Veränderung in meinem Leben bevorstünde, hatte mir zu denken gege-ben. Würden sich Walters und meine Wege etwa tren-nen? Das wäre schade, weil man sich mit den Jahren eben aneinander gewöhnte, und auch, weil es mit über fünfzig Jahren nicht mehr so einfach ist, den richtigen Partner zu finden. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen.

   Das Inserat des Hotels am Lago Maggiore hatte mich angesprochen und als ich las, dass zusätzlich auch verschiedene Vorträge angeboten würden, sah ich das als Fingerzeig an. Es war höchste Zeit Energien aufzutanken und mit mir ins Reine zu kommen. Ganz besonders über meine Beziehung zu Walter. Suses Aussage über meine Veränderung hatte mich elektrisiert. 

   Ohne meiner Freundin etwas zu sagen, hatte ich gestern gebucht und sie heute vor vollendete Tatsachen gestellt. Von Walter wusste ich, dass er niemals bereit wäre, für so einen "Unsinn" Urlaubstage zu opfern. Weshalb ich in den letzten Jahren stets mit meiner Freundin losgezogen bin. Was haben wir gelacht und gealbert. Suse war der Stern - und ich, nun, man könnte sagen, der matte Schein. An meinem Selbstbewusstsein musste sich noch einiges ändern, und genau das sollte während dieser Ur-laubstage geschehen. Ich wollte an meiner Selbstliebe arbeiten und unnötigen Krempel ausmisten, wie es in der Beschreibung über die angebotenen Vorträge hieß.

   Die Reaktion  meiner Freundin war für mich vorher-sehbar. Trotzdem. Ich konnte nicht anders. Die letzten Jahre, in denen wir gemeinsam unseren Buchladen aufgebaut hatten, waren anstrengend und zum Teil sorgen-voll gewesen. Suse war nicht der Typ, der mit Geld gut umgehen konnte. Sie lebte „spirituell!“ Das hieß, dass Suse der Meinung war, das Universum sorge ohnehin für sie. Im Prinzip hatte sie ja Recht, muss ich gestehen. Wenn man denkt, ich habe genug und alles, was man benötigt fließt einem zu, dann folgt das Universum un-weigerlich diesem Denken. Mir war auch klar, dass Mangeldenken nur zu noch mehr Mangel führt. Aber etwas im Fülle-Denken von Suse schien nicht der Wirk-lichkeit zu entsprechen. Wie kann es sonst sein, dass wir mit unserem Laden ständig in Geldschwierigkeiten steck-ten, fragte ich mich? Dabei lag es sicher nicht an mir. Ich war diejenige, die jeden Euro zweimal umdrehte, ehe ich ihn ausgab. Oder war doch ich es, die den Geldfluss be-hinderte?


2
   Wir beide hatten voll Enthusiasmus den kleinen Laden in unserem Städtchen gemietet und uns auf Esoterik und Lebenshilfe spezialisiert. Der Buchladen „Zum Regen-bogen“ hatte sich mittlerweile etabliert und war zu einem Treffpunkt für viele spirituell Interessierte geworden. Ich hatte erst kürzlich eine Ecke in unserem Geschäft in eine Leseecke mit Kaffeeautomaten umfunktioniert, die von den Kunden gut angenommen wurde. Das ist aber auch ein Grund, weshalb ich jetzt das Gefühl hatte, nun könnte ich endlich einmal etwas nur für mich tun. Auch oder gerade in meinem Alter.


   Ich war ein gutes Stück über fünfzig Jahre alt, da liegt die beste Zeit doch noch vor einem, heißt es allgemein. Da sollte im Leben noch alles drin sein.
   Zu meinem großen Leidwesen war ich eher mollig und da Suse zwischen Kleidergröße 36 und 38 pendelte, stets in Gefahr depressiv zu werden, sobald wir gemeinsam Kleider einkauften. Naturgemäß trug ich gerne Hosen und weite T-Shirts, die meine Hüften großzügig um-schmeichelten. Meine blonden Haare waren dicht und umrahmten ein Gesicht, das, ohne zu übertreiben, zeitlos schön zu nennen ist. Dazu blaue Augen, dichte ge-schwungene Brauen, eine gerade Nase und einen weichen Mund, der gerne lacht und küsst. Und ich litt unter meiner Größe von 1,65 Meter. Dafür  strahlte ich Mütter-lichkeit und Vertrauen aus. Lieber wäre mir, als sexy Frau wahrgenommen zu werden. In letzter Zeit häuften sich nämlich die Gelegenheiten, das veränderte Verhalten der Männer zu erkennen. Während man mir freundlich und nichtssagend zunickte, stockte ihnen bei Suses Er-scheinen kurz der Schritt, und ein Aufblitzen in den Au-gen der Männer signalisierte Anerkennung. Auch wenn es verständlich war, weil Suse doch gute zehn Jahre jünger war, so konnte mir niemand verübeln, dass ich darüber nicht begeistert war. Suse verfügte über eine reichhaltige Auswahl an farbenfrohen Kostümen, gab ungeniert Geld, das sie nicht hatte, aus, um ihr Aussehen ihrer Aura anzugleichen, wie sie gerne betonte, wenn sie wieder einmal mit einem neuen Teil daherkam. „Ich fühle mich heute so Türkis“, klärte sie mich dann umgehend auf, „da konnte ich diesem Pulli nicht widerstehen.“


  „Und die weiße Hose?“
  „Oh, die gab es heute im Sonderangebot. Äußerst güns-tig. Ich konnte gar nicht anders. Schade, dass es sie nur in Größe 36 gab.“
Das waren Momente, wo ich mir ernsthaft überlegte, meine Freundin gegen eine andere, meinem Alter und meiner Kleidergröße entsprechende, einzutauschen.

   Susis schwarze Haare hatten zurzeit einen raffinierten Kurzhaarschnitt, wodurch ihre modischen, farbenfrohen Ohrgehänge gut zur Geltung kamen. Sie war überhaupt immer perfekt zurechtgemacht, ihre Haare glänzten wie in der Werbung, ihre Haut war ohne Unreinheit, und ihre Zähne weiß und vor allem vollzählig. Wenn ich nicht so auf sie fixiert gewesen wäre, hätte ich ihr schon längst die Freundschaft gekündigt. Aber Suses offensichtliche „spirituelle Meisterschaft“ lässt bei mir nicht den Gedan-ken an Trennung aufkommen. Obwohl sich in letzter Zeit die Anzeichen mehrten, dass ich mich in Suses Gegen-wart nicht mehr so wohlfühlte, wie das bis jetzt der Fall war. Ob das damit zusammenhing, dass mein Lebensge-fährte Walter sich immer öfter darüber beschwerte, dass meine Freundin mich ausnützen würde? Emotional, ar-beitsmäßig und auch sonst?


   Erst vor kurzem hatte er beleidigt reagiert, weil ich lieber mit Suse zur Vernissage einer  Bekannten ging, als mit ihm zuhause eine Partie Schach zu spielen. Ich hatte mindestens eine Stunde lang ein schlechtes Gewissen deshalb. Aber Suse redete mir die Schuldgefühle gründ-lich aus, wozu  nicht viel Überredungskunst ihrerseits nötig war, und schon genoss ich anschließend den Abend in vollen Zügen. Suse wurde sogleich von einigen weib-lichen Gästen aufgefordert, doch nachzusehen, ob sich in ihrem Lichtfeld etwas „Besonderes“ zeige, was meistens dazu führte, dass meine Freundin sich mit den verschie-denen Vorleben der wissbegierigen Personen beschäftig-te, während ich die nächsten zwanzig bis dreißig Minuten allein in der Gegend herumstand.


   Nicht so letztens. Da schlich sich im Gedränge der hauptsächlich weiblichen Besucher ein Traum von einem Mann an mich heran und sprach mich sogar an.
  „Gefallen Ihnen die Bilder?“, wollte er wissen und seine Augen blickten wohlwollend auf meinen ausladenden Busen. Während sein Blick abgelenkt war, hatte ich ihn ebenfalls gemustert. Er besaß ein markantes Gesicht mit einem eckigen Kinn, halblange leicht gewellte Haare, faszinierende Augen, die zurzeit wie schon gesagt, anderweitig beschäftigt waren, war über eins achtzig groß und hatte gepflegte Hände. Er trug einen sportlichen An-zug, hatte keinen Rettungsring um Bauch und Hüften und benutzte ein wunderbares Aftershave. Ich schätzte ihn etwas jünger, wie mich ein. Viel Phantasie gehörte nicht dazu sich vorzustellen, dass es ein Leichtes für ihn sein musste, eine Frau für sich einzunehmen. Ich war da keine Ausnahme.
  „Doch, sie gefallen mir ganz gut“, log ich so freundlich wie möglich.
  „Die Künstlerin setzt sich mit ihren Bildern intensiv auseinander“, klärte er mich auf und fügte sogleich hinzu: „Nehmen wir zum Beispiel dieses Bild.“ Er griff mit seiner gepflegten Hand nach meinem Arm und führte mich nahe an das Werk heran. Ich wollte nicht unhöflich sein und schaute interessiert auf das Bild. Ein tiefschwar-zer Untergrund mit einigen lichten Streifen, gekrönt von einem großen hellen Fleck am oberen Bildrand. Ich be-mühte mich den Titel zu entziffern, was ohne Brille nicht einfach war. „Vollmondnacht“ las ich, und getraute mich nicht auf den Preis zu schielen, der, sicher nicht ohne Grund, fast unleserlich war. „Sehr ungewöhnlich“, merkte ich an, „aber eine Form drückt sich immer auch als etwas Formloses aus. Will sagen, eine unsichtbare Energie wird auf ungewöhnliche Art sichtbar.“ Diesen Satz hatte ich erst vor kurzem gelesen und ich hoffte inständig, der Traum-Typ würde meine Unwissenheit über Kunst und ihre Auslegung dadurch nicht erkennen.
Er bestätigte eifrig: „Sie haben Recht. Dieses Bild ist aus einer persönlich gewachsenen Überzeugung heraus ent-standen. Hier hat während des Malens ein Umwand-lungsprozess stattgefunden, der die Bandbreite des künstlerischen Schaffens der Malerin auf eine ganz besondere Art und Weise hervorhebt.“
   Wir sahen uns einen Moment lang in die Augen. Sein Mund formte ein Lächeln, das mir unter die Haut ging, das meine Zehen wärmte und ein Versprechen beinhaltete. Ich erwiderte es.
  „Betrachten Sie nur einmal genauer das Spiel mit den Hell-Dunkel-Kontrasten und dem mal fahl schimmern-den, mal gelblich gleißendem Licht des Mondes“, bat er drängend, als er auf den hellen Fleck am oberen Bildrand zeigte. Dabei drückte er enthusiastisch meine Hand. Ich genoss die Nähe dieses interessanten Mannes mehr als mir gut tat und freute mich diebisch, als ich das verdutze Gesicht meiner Freundin sah, die inzwischen von drei Damen umringt war, die wissen wollten, ob ihre Auren Neuigkeiten preisgaben. Ich konnte Suses Neugier hautnah spüren.
  „ … am Vollmond fasziniere seine Frau das ewig Ge-heimnisvolle und unergründlich Mystische“, führte er die Belehrung weiter aus. „ Dabei reize es sie vor allem, die Dinge einerseits so realistisch wie möglich darzustellen und sie andererseits gleichzeitig zu transzendieren - im Sinne etwa des Philosophen Platon und seiner Erkennt-nis: „ Schönheit ist der Glanz der Wahrheit des Einen, der durch die materielle Erscheinung hindurch leuchtet.“
Ich ließ die Worte auf mich wirken, und da ich nichts Konkretes darauf zu antworten wusste, erkundigte ich mich vorsichtig: „Sie sagten, Ihre Frau ist die Künstle-rin?“
  „Ach, ja, ja, natürlich“, beeilte er sich zu sagen und drückte mir ihre Visitenkarte in die Hand. Wir schwiegen angespannt. Sicherlich hatte er in mir eine Käuferin gesehen. Sie wissen schon, mütterlicher Typ, der - da nicht so beachtet - eher bereit ist, die Geldbörse für ein epocha-les Kunstwerk zu öffnen. Ich war viel zu beherrscht, um jetzt mit hängenden Mundwinkeln herumzulaufen und dadurch womöglich noch älter auszusehen. In meinem Umfeld gibt es genug Frauen mit solch bitterem, ängst-lich-grauem Gesichtsausdruck.
 „Sehr schön, danke für die Karte“, beeilte ich mich zu sagen, und mit einem leichten Nicken meines Kopfes verabschiedete ich mich von dem Mann, dessen trauriger Blick in meinem Nacken kleben blieb.
  „Worüber hast du dich denn mit dem tollen Kerl unter-halten?“, Suse hatte sich in Windeseile von den wissens-durstigen Frauen losgemacht und war an meine Seite geeilt. Ihre Augen funkelten vor Neugier und ihre langen Ohrgehänge klimperten, als wolle sie damit den Weihnachtsengel herbeirufen.
  „Oh, wir besprachen ein Bild und tauschten unsere Te-lefonnummern aus“, informierte ich sie und genoss den fragenden Ausdruck in ihrem makellosen Gesicht, ehe ich nachsetzte. „Er klärte mich auf, dass das Symbol des Vollmondes von der Künstlerin bewusst gewählt wurde, und dass sie das Werk dann in einer stark abstrahierten Landschaft konkret herausgehoben habe, sozusagen als zentralen Blickpunkt, weil der Mond  für sie vor allem das Beharrende, trotzdem Wachsende und gleichzeitig konstant  Seiende, symbolisiere. Ich musste zugeben, dass ich das nur bestätigen könne.“
   Suses Gesicht wäre es wert gewesen, für die Ewigkeit festgehalten zu werden. Selten hatte ich meine Freundin mit so einem dümmlichen Ausdruck erlebt, wie in diesem Moment. Die Krönung war jedoch, als ich es schaffte, sie danach einfach stehen zu lassen, dem Mann der Künstlerin noch einmal vertraut zuzuwinken und mich aufmach-te, das reichlich bestückte Buffet zu stürmen.
   Natürlich hetzte meine Freundin hinter mir her. Aber auf ihre weiteren Fragen reagierte ich nicht, da man mit vollem Mund nicht sprechen sollte. Suse konnte sich nur mühsam beherrschen. Bei Ärger strahlte sie immer eine derart dichte Energie aus, die - sogar für mich - als Mauer fühlbar war. Mit einem weiteren, vollbeladenen Teller machte ich mich auf, um an der Bar noch ein Glas Pro-secco zu bekommen. Sushi, Rostbeefscheiben, kunstvoll gerollte Spinat-Palatschinken und Käseschnitten gleiten mit Prosecco-Begleitung einfach leichter den Hals hinunter.
   Suse dagegen hielt sich nie lange an einem Buffet auf, kein Wunder, dass sie nicht zunahm, sondern ihre schlanke Linie beibehielt. "Aber ich sündige ja nur heute", beruhigte ich mein schlechtes Gewissen und bediente mich am Sektstand neuerlich, um nicht etwa im Selbstmitleid zu versinken.
 „Seit wann bist du denn in Kunst so bewandert?“ Suse gab nicht auf. Wieder war sie mir gefolgt und ihr Tonfall war anzüglich.
  „Ich habe erkannt, dass durch den Prozess des Malens geistige Energien, die zu einem Bild gehören, verankert werden. Oder wusstest du das nicht?“, hielt ich generös dagegen und hob fragend die Augenbrauen.
In einem Ton, der unnötig vorwurfsvoll schien, infor-mierte mich Suse anschließend, dass sie für heute genug von all den Leuten habe, und nach Hause wolle.
  „Kommst du mit oder hast du noch etwas mit dem Mann der Künstlerin zu besprechen?“, fragte sie verär-gert. Ich überhörte den spitzen Tonfall und antwortete gelassen: „Gute Idee, da wird Walter sich freuen, wenn er doch noch zu seiner Partie Schach kommt.“

   Nichts war mit Freuen. Walter lag bereits im Bett und hatte demonstrativ seinen Kopf tief im Polster vergraben. Dabei hatte ich beim Aufsperren der Wohnung noch Licht im Schlafzimmer gesehen.
   Eine beleidigte Männerseele ist etwas sehr Empfindliches. Mimosen sind wahre Lebenskünstler dagegen. Ich genoss es, in Ruhe das Bad für mich allein zu haben. Ließ heißes Wasser in die Wanne laufen, schüttete reichlich Rosenduft hinein und zog mich in aller Ruhe aus. Obwohl ich sonst eher dazu neige, nach Möglichkeit mich nicht nackt im Spiegel zu betrachten, machte ich heute eine Ausnahme. Irgendwie spukte mir der Mann der Künstlerin noch immer im Kopf herum. Emotionslos versuchte ich meinen Körper zu betrachten, schaffte es jedoch nicht. Wenn Suse zwischen Daumen und Mitte-finger mehr als einen halben Zentimeter Haut verspürt, bekommt sie bereits die Krise. Was sollte ich sagen? Bei mir genügten Daumen und Mittelfinger schon lange nicht mehr. Ich schaffte es locker, die überschüssige Haut an meinem Bauch mit der ganzen Hand zu umspannen. Wie zur Bestätigung fasste ich nach der berüchtigten Bauch-falte und bewegte sie rhythmisch auf und ab, als könne ich sie dadurch zum Verschwinden bringen. Wenn um Bauch sowie um Hüften und Po nicht diese grässlichen Ringe wären, hätte ich eigentlich eine fantastische Figur, stellte ich ernüchternd fest. Außer vielleicht die Ober-schenkel. Die waren auch schon mal schmäler gewesen. Was soll’s. Die Brötchen heute waren hervorragend ge-wesen, der Sekt hatte mir außerordentlich gut getan und wenn ich an den Mann der Künstlerin dachte ... vielleicht sollte ich doch ein wenig abnehmen? Ach egal. Es wurde Zeit, dass ich mir selbst etwas Gutes tat. Ich hatte das Gefühl, in letzter Zeit von beiden eingeengt zu werden. Jeder mäkelte an mir herum. Das tat keiner Frau gut, schon gar nicht, wenn sie ohnehin Probleme mit ihrem Aussehen hatte. Was nützte es da, wenn man mich für überaus tüchtig, ja sogar unersetzlich hielt, wenn ich mich selbst nicht so lieben konnte, wie es notwendig gewesen wäre, um ausgeglichen und zufrieden sein zu können.
   Tief atmete ich den beruhigenden Rosenduft ein und genoss das warme Wasser, das meinen ganzen Körper umschmeichelte. Aus den Augenwinkeln nahm ich einen hellen Blitz gewahr, der aber sofort wieder verschwand. Das passierte mir in letzter Zeit immer öfter. Auch war sehr oft das Gefühl da, jemanden in meiner Nähe  zu spüren, obwohl nichts zu sehen war. Nun, vielleicht machen das die Wechseljahre, beruhigte ich mich. Obwohl ich mich schon Jahre im Klimakterium befand, hatte ich kei-ne Schwierigkeiten damit. Gelegentliche Schweißausbrüche hatte ich auch schon in jungen Jahren gehabt. Wenn ich da nur an die Fahrprüfung denke oder an Hannes, den flotten Golfspieler, der mir mühsam Golfspielen beizu-bringen versucht hatte und dabei feststellen musste, dass ich, sobald ich einen Zuschauer sah, alle Regeln vergaß, die Eisen durcheinander brachte und den Ball - selbst mit einem verbissenen Gesichtsausdruck - mit schöner Regelmäßigkeit verfehlte. Es war eine sehr kurze Bekannt-schaft gewesen. Schade, ich wäre gern mit Hannes ins Bett gegangen. Sein sportlich durchtrainierter Körper war eine Augenweide und er wäre sicher eine Versuchung wert gewesen. Doch das war ein Traum, den ich mir oh-nehin nie erlaubt hätte, ihn zu verwirklichen. Man steigt nicht einfach so mit einem Mann ins Bett den man nicht gut beziehungsweise lange genug kennt...hat mir schon meine Mutter gepredigt, und die musste es wissen, schließlich war sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens Witwe. Ob die jemals mit einem anderen Mann als mit meinem Vater in die Kiste gesprungen ist? Undenkbar.
Langsam stieg ich aus der Wanne. Das Wasser war mittlerweile nur mehr lauwarm und das war etwas, was ich überhaupt nicht mochte. Bei mir musste alles heiß sein. Tee, Kaffee, Suppe, Badewasser und die Liebe. Das klappte bei der Liebe nicht immer so. Aber das konnte auch daran liegen, dass ich inzwischen in einem Alter war, wo der Partner glaubt, man möchte es mehr in Ruhe angehen. Wie "Mann" sich doch täuschen kann.
   Ich schlüpfte in meinen Pyjama. Die Seide fühlte sich gut an. Ich zog den Stöpsel aus der Wanne und wartete bis das Wasser abgelaufen war, um die Wanne noch schnell zu reinigen. Walter hasste Ränder in der Bade-wanne. Wir waren sehr verschieden. Das fiel mir immer öfter auf. 
   Walter war der eher ruhige, bequeme, überlegenere Typ, während ich schnell entschlossen und aktiv im Handeln war. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb ich mich noch nicht dazu entschließen konnte, Walter mein Ja-Wort zu geben. Zwar gab es im Bett keine Unstim-migkeiten zwischen uns, aber das Leben - ganz besonders ab fünfzig - besteht ja leider nicht mehr nur aus wildem Sex.
   Obwohl ich in diesem Augenblick einer heißen Liebes-nacht nicht abgeneigt wäre. War doch heute in meinem Horoskop gestanden: „Venus und Mars bringen Ihnen jetzt in Ihrem Liebesleben eine Wende zum Positiven. Tolle Abenteuer warten auf Sie! Ihrem ruhelosen Temperament entsprechend legen Sie sich nicht fest und halten sich alle Möglichkeiten offen.“ Wie wahr! Aber lieber würde ich mich doch flach- als festlegen lassen. Schade, so werden Nächte sinnlos vergeudet!

 „Was willst du damit sagen, mit meinem Alter?“
Suse sortierte nun die Ratgeber, wobei sie sich nicht zwi-schen der Größe der Bücher und den Themen entscheiden konnte. Verrückt! Sie sah mich immer noch nicht an. Mir wurde es langsam zu bunt. Ich griff nach ihren Schultern und drehte sie zu mir her, bis sie meinen fra-genden Augen nicht mehr ausweichen konnte.
  „Suchst du Streit“, fragte ich empört, „oder warum bringst du jetzt unseren Altersunterschied ins Spiel?“
  „Entschuldige, Britta.“ Ihre Schultern sanken nach un-ten und ich wurde weich. Langsam begann sich Zweifel in mir zu regen, ob ich richtig handelte, dieses Mal ohne sie zu fahren. Wenn ich an die lange Autofahrt denke, wird mir schon mulmig. Andererseits, ich bin noch nicht sechzig. Auch wenn mir die Werbung einreden möchte, dass in meinem Alter Knie, Ellbogen und Finger sich zu versteifen beginnen, das Gedächtnis ohne Ginko Präparate nachlassen würde, der Graue Star unweigerlich an die Türe klopfen, und Gebisshaftcreme, Heimtrainer und Gleitcreme bereits vorsorglich gehortet werden sollten. Meine Nachbarin zum Beispiel, die ein Jahr älter ist als ich, hört Mozart, Smetana und Hansi Hinterseer hinterei-nander sowohl beim Walken im MP-Player als auch lautstark bei weit offenem Fenster von der Hi-Fi Wohnzimmer-Anlage. Ihr gefällt es genauso wenig, dass uns die Werbebranche unter die Alten einstuft. Wir sind keine Senioren und keine Gruftis. Wir sind moderne Frauen 50 plus, die - notgedrungen dem Alter entsprechend zwar nicht mehr zur Flower Power Generation zu zählen sind - aber nichtsdestotrotz aktiv am Geschehen teilnehmen. Und dazu gehört Sex genauso dazu, wie alleine Urlaub machen. Womit wir wieder beim leidigen Thema sind.
   Suse hatte mittlerweile ihre Arme um meinen Hals geschlungen, als sollte ich sie vor dem Ertrinken retten. Klirrende Kugeln aus irisierenden Farben baumelten heute an ihren Ohrläppchen und kitzelten meinen Hals. „Ich wollte dich bestimmt nicht kränken“, schluchzte sie und drückte mich noch enger an sich. Hoffentlich kommt jetzt keine Kundschaft, dachte ich verschreckt. So, wie wir beide in diesem Moment aneinander kleben, könnte ein Uneingeweihter annehmen, wir hätten was miteinander. Von wegen! Suse war, was Männer anbelangte, überhaupt nicht wählerisch. Ihre Liebschaften wechselten fast zeitgleich mit den Jahreszeiten. Ich weiß nicht, wie viele Das-ist-der-Mann-meines-Lebens ich in den Jahren unserer Bekanntschaft schon kennen gelernt habe. Oft dachte ich, der wäre der Richtige für sie. Aber nach wenigen Monaten fand Suse an ihren Männern unvereinbare Energien, die es ihr unmöglich machten, weiter mit ihnen zusammen zu leben. Das Schlimme daran war nicht nur, dass sie die Männer in kurzen Abständen auswechselte, nein, auch die Garderobe und zum Teil die Wohnungseinrichtung wurden  bei dieser Gelegenheit ausgewechselt. Natürlich mit dem Hinweis, dass Energien im Fluss sein müssen, sollte es einem Menschen gut gehen. Über die Kosten dachte meine Freundin nicht nach. Irgendwie war es sich immer ausgegangen und Geld sei nicht alles, wie sie gerne und oft betonte. Wahrscheinlich, weil in ihrer Kasse stets Ebbe herrschte. Kein Wunder, dass sie mir freiwillig die Kassa- und Buchführung anvertraute. Bei ihrer Einstellung zu Geld wären wir schon im ersten Jahr Pleite gegangen.
  „Entschuldige, Britta. Weißt du, ich kann nicht glauben, dass du ohne mich wegfahren willst. Das hast du doch noch nie gemacht“, erklärt sie mit viel Nachdruck und hob dabei auf die ihr eigene Art ihre Augenbrauen.
   So ganz allmählich gelang es mir, mich aus ihrer Umklammerung zu lösen. Ich schob sie ein Stück weg, zählte in Gedanken schnell von fünf bis null rückwärts und entgegnete mit fester Stimme: „Einmal ist immer das erste Mal, Suse. Ich habe nun mal das Bedürfnis, ein paar Tage allein zu sein. Walter versteht das“, sagte ich anklagend.
Suse winkte verächtlich ab. „Ach der! Der ist doch viel zu bequem, um seine Couch zu verlassen. Aber ich“, wieder versuchte sie mich zu umarmen, was ich im letzten Moment verhindern konnte, „ich würde sofort mit dir mitfahren.“ Schon begannen ihre Gehirnwindungen zu arbeiten. „Wir könnten Rosie fragen, ob sie Lust hätte, uns eine Woche im Laden zu vertreten, was meinst du?“
Verärgert schob ich meine Freundin beiseite und schaute sie strafend an. „Du vergisst anscheinend ganz, dass du mir erst gestern verkündet hast, dass du total pleite bist.“ Typisch Suse. Kein Geld haben, aber bei den Wörtern Urlaub und Kleiderkauf sofort Eurozeichen in den Augen haben.
  „Könntest du nicht ...?“
  „Nein, Suse. Du schuldest mir noch zweihundert Euro vom letzten Wellness-Wochenende. Es wird wirklich Zeit, dass du den Ernst der Lage erkennst, und an dir zu arbeiten beginnst. Das ist ein Muster, das du dringend auflösen solltest, aber das habe ich dir schon tausend Mal gesagt. Du riskierst glatt, dass unser Laden in die roten Zahlen rutscht. Und er ist schließlich unsere Existenz, oder siehst du das anders?“
   Suse schaute mich mit großen Augen an. So energischen Widerspruch war sie von mir nicht gewohnt. Sie konnte noch nie gut mit Kritik umgehen. Ausgenommen, es handelte sich um eine positive.
   Ich richtete meinen Blick auf die Buchrücken vor mir. Doch Suse ließ noch nicht locker. Es war erstaunlich, wie sehr sie sich klein machen konnte, wenn sie etwas erreichen wollte.
   Am liebsten würde ich jetzt in die Heimsauna gehen, meine Katze kraulen und auf einer Hollywoodschaukel liegen. Eben meditative Tätigkeiten, die meine Seele ins Träumen und meine aufgewühlten Emotionen ins Gleichgewicht bringen würden. Aber ich besitze keine Heimsauna, keine Katze, und da ich keinen Garten habe, auch keine Hollywoodschaukel. ...