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Memos von ganz oben

 

Leseprobe

 

...Behutsam rückte ich den Sessel wieder zum Tisch, schulterte meine Tasche und verabschiedete mich.  

Ich hatte jedoch kein Bedürfnis nach Hause zu fahren und mit meinem Mann zu diskutieren. Etwas in mir war aufgewühlt. Sicher hat sich irgendeine Bemerkung oder ein Gedanke in meinem Unterbewusstsein verankert und wartete nun auf eine günstige Gelegenheit, um hervorzubrechen wie ein plötzlich einsetzendes Gewitter. Ich entschied, die gewonnene Zeit für mich zu nutzen und setzte mich in ein Cafe, um andere Leute zu beobachten.

Dort saß ich mit eingezogenem Bauch und krampfhaft übereinander geschlagenen Beinen am einzigen Tisch, der in der Mitte des Lokals stand, vor mir eine Tasse Kaffee und einem für meine Verhältnisse unverschämt kleinen Stück Torte.

Dabei versuchte ich entspannt auszusehen. Ich hatte mich bewusst für die Mitte des Raums entschieden, denn ich wollte mir beweisen, dass das Seminar für Selbstbewusstsein bereits Wirkung zeigte. Nicht wie sonst verschämt in der Ecke und von dort spähend wie ein Adler, der nach Beute Ausschau hielt, sondern selbstbewusst die Aufmerksamkeit anderer auf sich lenkend, und sie genießend.

Das mit dem Genießen klappte noch nicht so ganz, denn wie gesagt, mit eingezogenem Bauch und übereinander geschlagenen Beinen, bei denen die Stärke der Oberschenkel diese Stellung noch extrem erschwerte, ist es nicht leicht, sich selbstbewusst und locker zugleich zu präsentieren.

Doch ich tat es!

Schon nach kurzer Zeit bemerkte ich, dass ich beobachtet wurde. Von einem Mann. Ein überaus interessanter, bärtiger, junger Mann schien Gefallen an mir gefunden zu haben. Jedenfalls schaute er andauernd zu mir her, wonbei mri seine Augen eine unmissverständliche Botschaft signalisierten. Im ersten Moment wollte ich mich entrüstet abwenden, dann jedoch genoss ich seine unverhohlene Bewunderung. Ein leichtes Vibrieren in der Herzgegend kündigte sich an. Hannah? (der zum Leben erweckte Aspekt des höheren Selbst. Anm.der Autorin) Nein. Es war irgendwie anders. So in Richtung Schmetterlinge.

Plötzlich schien der junge Mann einen Entschluss gefasst zu haben. Er winkte dem Kellner, bezahlte  und kam mit schnellen Schritten auf mich zu. Mein Herz begann zu hüpfen. Was sollte ich bloß antworten, wenn er mich fragen würde, ob wir?

Ich verlor mich in meine Träume, und sah mich schon leidenschaftlich in seinen Armen liegen. Fühlte die Hand, die meine Sprache verstand, die jeden Rückenwirbel genüsslich hinauf- und hinunterkraulte, meine Schulterblätter zärtlich umkreiste, dann unter dem linken Ohr verharrte und sich langsam zu Wirbel Nummer sieben zurücktastete.  Natürlich hielt ich die Augen geschlossen, um mir diese Wonne vorzustellen. Meine Hormone spielten verrückt und signalisierten "Angriff". Ein lustvoller Seufzer entrang meiner Brust...

"Ist Ihnen nicht gut?" Der Kellner stand mit fragendem Gesichtsausdruck und einem vollgepackten Tablett vor mit.

"Wie, was?" Erschrocken schaute ich nach den anderen Gästen, vor allem nach meinem bärtigen Augenkontakt. Mir klappte der Unterkiefer runter. Der glutäugige Adonis rückte gerade einer jungen Salatblatt-Gazelle kavaliersmäßig den Sessel zurück, und half ihr galant in die Jacke. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, verließen beide eng umschlungen das Lokal.

"Ich habe gefragt, ob Sie etwas brauchen. Ein Glas Wasser vielleicht?" Der Kellner stand noch immer da und schaute mich durchdringend an.

"Nein,danke. Zahlen bitte." Das brachte ich noch halbwegs beherrscht heraus. Fluchtartig verließ ich das Cafe und steuerte meinem Zuhause zu. Wie blamabel!

Nicht mich meinte der Schönling die ganze Zeit, sondern die aufgetakelte Tussi hinter mir. Nun, das hatte ich davon, dass ich mich mitten ins Lokal setzte. Es war mir eine Lehre. Selbstbewusstsein hin und her - in Zukunft würde ich mich wieder in eine gemütliche Ecke verziehen und mich von dort aus umsehen.

Aber das Erlebte hatte Spätfolgen.

Ich war in aufgeräumter Stimmung, als ich nach Hause kam, wo ich sofort meinem Erwin ein opulentes Mahl servierte und ihn aufforderte, doch eine Flasche 98er zu öffnen. In der Zwischenzeit schickte ich energetische Liebeswellen in einem Radius von 360 Grad aus. Einige mussten wohl oder übel auf Erwin treffen.

Sie taten es!

Er öffnete den obersten Knopf seines Hemdes, die Krawatte hatte er zuvor schon abgelegt. Mit seinem Zeigefinger fuhr mein Mann am Kragenausschnitt entlang und begann stoßweise zu atmen. Die Hypophyse schoss eine neuerliche Salve Hormone nach, das Frontalhirn schaltete ab, und wir landeten überstürzt, aber glücklich im Bett. Es war ein herrliches Erlebnis.

Ich glaube, ich werde mich demnächst doch wieder in die Mitte eines Cafes setzen...